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Kapitel 1 - Die Nacht des Sturms

Das Dorf Silur, am Rande des nördlichen Gebirges von Ostaria im östlichen Kontinent Tempures, im Jahr 1247 des Kalenders von Tempure, Herbst

Silur war ein kleines, abgelegenes Dorf, eingebettet in die grünen Hügel am Fuße der nördlichen Berge von Ostaria. Die Bewohner von Silur lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft, der Jagd und dem Handwerk. Die Felder um das Dorf herum waren fruchtbar, und die Wälder boten reichlich Wild und Beeren. Die meisten Dorfbewohner kannten sich seit Generationen, und das Leben verlief ruhig und im Einklang mit den Jahreszeiten.

In dieser Abgeschiedenheit lebte Orions Familie, die in Silur sehr geachtet war. Sein Großvater, Eldric, war einst ein angesehener Jäger und nun der weiseste Mann im Dorf. Er kannte die Geschichten und Geheimnisse Tempures besser als jeder andere. Orion und sein jüngerer Bruder, Sagittarius, lebten bei ihm seit dem Tod ihrer Eltern. Eldric hatte ihnen alles beigebracht, was sie über das Überleben in der Wildnis wissen mussten. Orion war ein talentierter Jäger, während Sagittarius ein ausgezeichneter Spurenleser war.

An einem typischen Tag begannen die Brüder frühmorgens mit ihren Aufgaben. Orion half auf den Feldern, während Sagittarius oft im Wald verschwand, um Fallen aufzustellen und nach Wild zu suchen. Die Abende verbrachten sie am Kamin, wo Eldric ihnen Geschichten von alten Zeiten erzählte – Geschichten von Helden, Magie und verborgenen Schätzen. Eldrics Augen funkelten immer dann besonders, wenn er von längst vergangenen Zeiten sprach. Doch es gab immer auch eine Traurigkeit in seinem Blick, wenn er auf die Vergangenheit zurückblickte.

Der Tag hatte ruhig begonnen. Orion und Sagittarius waren wie üblich früh aufgestanden, um ihre täglichen Aufgaben zu erledigen. Orion verbrachte den Vormittag auf den Feldern, half bei der Ernte der letzten Herbstfrüchte und bereitete das Land für den Winter vor. Die kühle, klare Luft und die sanfte Wärme der Herbstsonne hatten seine Arbeit erträglicher gemacht.

Sagittarius war wie gewohnt in den Wald gegangen, um seine Fallen zu überprüfen und nach Wild zu suchen. Die Brüder trafen sich am Nachmittag wieder zu Hause, wo Eldric bereits das Feuer im Kamin entzündet hatte. Der Duft von frischem Brot und Eintopf erfüllte das kleine Haus, und die Atmosphäre war heimelig und vertraut.

Doch Eldric wirkte an diesem Tag anders. Während des Essens war er ungewöhnlich still und in Gedanken versunken. Seine sonst so lebhaften Augen waren trübe, und es schien, als ob ihn etwas Schweres bedrückte. Orion und Sagittarius tauschten besorgte Blicke, wagten es aber nicht, nachzufragen. Sie kannten ihren Großvater gut genug, um zu wissen, dass er seine Sorgen meist mit sich selbst ausmachte.

Nach dem Essen setzte sich Eldric in seinen Lieblingssessel am Kamin und starrte lange ins Feuer. Orion und Sagittarius räumten den Tisch ab und setzten sich dann zu ihm. Eldric begann schließlich, eine Geschichte zu erzählen, doch seine Stimme war monoton und seine Gedanken schienen weit weg.

„Großvater, ist alles in Ordnung?“ fragte Orion schließlich, die Sorge in seiner Stimme nicht verbergend.

Eldric blinzelte und schaute seinen Enkel an, als würde er ihn erst jetzt wahrnehmen. „Ja, ja, mein Junge. Es ist nur… diese alten Geschichten. Sie bringen manchmal Erinnerungen zurück, die besser vergessen blieben.“

Orion und Sagittarius nickten verständnisvoll, doch die Unruhe in ihnen wuchs. Etwas stimmte nicht, das wussten sie beide.

Als der Abend hereinbrach, verschlechterte sich das Wetter. Dunkle Wolken zogen auf, und ein heftiges Gewitter begann sich über dem Dorf zusammenzubrauen. Der Wind heulte durch die Bäume, und bald schon zuckten Blitze über den Himmel, gefolgt von donnerndem Grollen. Regen prasselte unaufhörlich auf die Dächer der kleinen Holzhäuser, und die Luft war erfüllt von dem Duft nassen Holzes und feuchter Erde.

Orion lag in seinem Bett und lauschte dem Toben des Sturms. Die Unruhe, die ihn seit dem Gespräch mit seinem Großvater begleitete, wollte einfach nicht verschwinden. Seine Gedanken wirbelten genauso wild umher wie die Böen draußen. Er versuchte, sich zu beruhigen, doch das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wurde immer stärker.

Plötzlich hörte er ein Geräusch, das nicht zum Rhythmus des Sturms passte – das leise Quietschen der Haustür. Orion setzte sich auf und lauschte angestrengt. Ein weiteres Geräusch drang an seine Ohren, diesmal deutlicher – das Schnauben eines Pferdes, das eigentlich im Stall sein sollte. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

„Großvater? Bist du das?“ rief er, während er die Treppe hinuntereilte. Doch es kam keine Antwort.

Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, als er schnell zum Stall rannte. Drinnen war es dunkel und feucht, und der vertraute Geruch von Heu und Pferden hing in der Luft. Doch etwas war anders. Eines der Pferde fehlte – das Pferd seines Großvaters.

Orion spürte, wie die Panik in ihm aufstieg. Warum war sein Großvater bei diesem Wetter hinausgegangen? Und warum hatte er nichts gesagt? Sein Herz hämmerte in seiner Brust, während er zurück ins Haus rannte und seinen Bruder Sagittarius weckte.

„Sagi, wach auf! Großvater ist verschwunden, und eines der Pferde fehlt,“ sagte er, während er seinen Bruder wachrüttelte.

Sagittarius blinzelte verschlafen und rieb sich die Augen. „Was? Bei diesem Wetter?“ fragte er, seine Stimme noch heiser vom Schlaf.

„Ja, wir müssen ihm folgen. Irgendetwas stimmt nicht,“ drängte Orion.

Sagittarius setzte sich auf und zog schnell seine Stiefel an. Gemeinsam eilten die Brüder nach draußen, wo der Regen unaufhörlich auf sie herabprasselte. Die Welt schien in Dunkelheit und Wasser getaucht zu sein, und jeder Schritt war ein Kampf gegen den aufgeweichten Boden.

Sagittarius kniete sich nieder, um die Spuren im Matsch zu untersuchen. Er strich mit den Fingern über die verwischten Hufabdrücke und nickte schließlich. „Die Spuren führen in die Berge,“ sagte er, während er auf die Abdrücke deutete. „Wir müssen ihm folgen.“

Die Brüder zogen ihre Regenmäntel an, packten ihre Waffen und Ausrüstungen und machten sich auf den Weg. Sie nahmen die beiden verbliebenen Pferde und ritten in Richtung der Berge, wo sie die Spuren ihres Großvaters zu erkennen glaubten. Die Dunkelheit und das unaufhörliche Prasseln des Regens machten es schwierig, den Weg zu sehen, doch sie vertrauten auf ihre Instinkte und die Spuren, die Sagittarius gefunden hatte.

Die Brüder kämpften sich durch den strömenden Regen und die Dunkelheit. Jeder Schritt war beschwerlich, doch ihre Entschlossenheit trieb sie voran. Der Wald um sie herum wirkte im fahlen Licht der Blitze gespenstisch und unheimlich. Die Bäume bogen sich unter den Böen, und das Rascheln der Blätter mischte sich mit dem Rauschen des Regens. Der Boden unter ihren Füßen war schlammig und rutschig, und mehr als einmal mussten sie innehalten, um nicht zu stürzen.

Nach einer Weile erreichten sie die Berge. Die Spuren führten sie zu einer Höhle, die sie nur zu gut kannten. Ihr Großvater hatte sie oft vor dieser Höhle gewarnt. Sie war alt, tief und voller Gefahren.

„Das ist die verbotene Höhle“, sagte Orion leise, seine Stimme zitterte leicht. „Warum sollte er hier hineingehen?“

Sagittarius nickte ernst. „Es muss einen wichtigen Grund geben. Wir müssen hinterher, aber mein Gefahrensinn rät mir davon ab.“

„Dann müssen wir uns beeilen, irgendwas stimmt hier nicht“, antwortete Orion. Er konnte das unheilvolle Gefühl nicht abschütteln, das ihn seit dem Moment, als er das Quietschen der Tür gehört hatte, verfolgte.

Die Brüder zündeten ihre Laternen an und traten vorsichtig in die Höhle. Die Dunkelheit verschluckte sie, und nur das schwache Licht ihrer Laternen erhellte den Weg. Die Luft war kühl und feucht, und das leise Tropfen von Wasser hallte durch die Gänge. Die Wände der Höhle waren rau und mit Moos bedeckt, das in der Dunkelheit schimmerte. Jeder Schritt hallte wider und verstärkte das Gefühl der Beklommenheit.

Sie folgten der Spur ihres Großvaters, bis sie plötzlich Stimmen hörten, die aus der Tiefe der Höhle zu ihnen drangen. Sie schlichen vorsichtig weiter durch die Höhle, versteckten sich hinter einem Felsen und spähten vorsichtig um die Ecke, als sie die Quelle der Stimmen fanden. In einem großen, offenen Raum standen ihr Großvater und ein fremder Mann einander gegenüber.

Der Fremde trug eine dunkle Robe und einen Umhang mit Kapuze, die tief in sein Gesicht gezogen war. In seiner linken Hand hielt er einen alten hölzernen Stab, und seine rechte Hand glühte vor magischer Energie. Sagittarius zeigte auf den Unbekannten und flüsterte: „Ich denke, mein Gefahrensinn meldet sich wegen dem da.“

„Eldric“, sagte der Fremde mit einer Stimme, die wie eisiger Wind durch die Höhle wehte. „Du weißt, warum ich hier bin.“

Eldric schien keine Angst zu haben. Stattdessen war sein Blick voller Trauer und Entschlossenheit. „Nimrore… Bruder … Wir haben es damals geschworen. Wir sind nicht diejenigen, denen es zusteht, diese Macht in die Hände zu bekommen. Wir haben es geschworen, verdammt nochmal! Komm bitte zur Einsicht.“

Orion und Sagittarius beobachteten die Szene mit angehaltenem Atem. Eldrics Gesichtsausdruck verriet, dass er wusste, was auf dem Spiel stand. Seine Augen waren fest auf Nimrore gerichtet, und trotz der drohenden Gefahr strahlte er eine tiefe Ruhe und Entschlossenheit aus.

„Nichts hat sich geändert, Eldric,“ erwiderte Nimrore kalt. „Ich habe meine eigene Bestimmung gefunden, und sie führt mich zu dieser Macht. Gib mir die Informationen, die ich brauche, oder ich werde sie mir holen.“

Nimrore packte Eldric am Hals und hob ihn mühelos in die Luft. Eldric rang nach Luft und sprach mit schwacher Stimme: „Ich werde dir niemals helfen… Ich werde den Schwur nicht brechen!“

„Dann bist du für mich nutzlos“, spie Nimrore ihm kalt ins Gesicht und drückte zu. Mit einem entsetzlichen Knacken brach er Eldric das Genick, und dessen Körper fiel leblos zu Boden.

Orion und Sagittarius waren wie gelähmt vor Entsetzen. Tränen strömten über ihre Gesichter, doch bevor sie reagieren konnten, wirkte Nimrore einen Zauber und verschwand in einer Wolke aus Rauch.

Die Brüder eilten zu ihrem toten Großvater und knieten neben ihm nieder. Die Trauer und der Schmerz waren überwältigend. Orions Hände zitterten, als er den leblosen Körper seines Großvaters berührte. „Großvater… warum…“ Seine Stimme brach, und er konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Sagittarius legte eine Hand auf Orions Schulter und kämpfte ebenfalls mit seinen Gefühlen. „Wir müssen herausfinden, wer dieser Mann war und was er wollte. Großvater hätte es so gewollt.“

Orion nickte, obwohl die Worte schwer fielen. „Ja, wir werden seinen Tod rächen. Aber wir müssen vorsichtig sein. Dieser Mann ist gefährlich.“

Die Brüder beschlossen, ihren Großvater zurück ins Dorf zu bringen und ihn dort zu beerdigen. Doch das würde schwierig werden, da sie nur zwei Pferde hatten. Sie wickelten Eldrics Körper in einen Umhang und machten sich auf den Weg zurück. Der Rückweg war beschwerlich, der Regen hatte nachgelassen, aber die Dunkelheit und der Schlamm machten es schwer, voranzukommen. Doch ihre Entschlossenheit trieb sie voran.

Published inSchwurbrecher

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